Reduktion … mit spitzer Feder!

Das Kabarett ist eine besondere Form der Kleinkunst. Oft werden dabei unterschiedliche Ausdrucksformen –Szenen, Monologe, Dialoge, auch Gedichte und manchmal Musik, miteinander verbunden.

Eine Abgrenzung zu Comdy und Stand-up-Comedy ist schwierig. Versuchen wir es so: Im Kabarett interessiert die zugespitzte Kritik an Politik und Gesellschaft. Comedy und Stand-up-Comedy hingegen, zeigen das komische Ringen von Einzelnen mit einem zunehmend komplexeren Alltag.

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Chris Rock, Stand-up-Comedy-Star aus Brooklyn

Im Kabarett wie auch in der Stand-up-Comedy beobachten wir Stilelemente wie Satire und Parodie, oft auch Sarkasmus und Ironie. Die Künstlerinnen und Künstler, die sich in einer oder in beiden Disziplinen bewegen, brauchen vor allem eines: den Mut, konsequent und einfach zu sein.

Ich geniesse alle die oben erwähnten Spielformen. Von Josef Hader bis Chris Rock. Und interessiere mich auch für die Logik, die dahintersteckt. Diese Tage lese ich darum das in Teilen empfehlenswerte Buch von Judd Apatow „Sick in the Head – Conversations About Life and Comedy“.Bildschirmfoto 2016-08-16 um 23.46.32

Es handelt sich um eine Art Dokumentation von Unterhaltungen über Unterhaltungen. Zusammengetragen von einem US-amerikanischen Filmemacher, Drehbuchautoren und Filmproduzenten. Einfacher erklärt: Rund 40 Interviews aus den letzten drei Jahrzehnten mit Landsleuten, die Komisches –am laufenden Band- produzier(t)en.

Ich nehme es gleich vornweg: die meisten Texte ärgern mich, denn viele Gesprächspartner simulieren mit ihren pseudoexistenzialistischen Spässchen Klugheit und transportieren doch nur flache Kalauer und Vulgarismen. Eine kritischere Haltung des Autoren den Interviewten „Grössen“ gegenüber, hätte den Texten gutgetan.

« Wenn du einem sieben Bälle zuspielst, fängt er keinen.

Spielst du ihm nur einen zu, hat er ihn bestimmt. »

Nadine Borter, Werbetexterin Agentur Contexta

 

Immerhin realisiere ich: wer glaubt, die Arbeit mache diesen Komikern ja vor allem Spass, irrt sich tüchtig. Der Spass macht vor allem Arbeit. Dann auch, neben der Schreiberei,  die zusätzlich Herausforderung, vor Publikum zu bestehen: Vor Menschen mit einem anderen Zugang zu Humor, einem anderen „Groove“ und anderen Erwartungen.

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Sketch mit Josef Hader aus dem Film „Aufschneider“

Bei der Lektüre merkte ich: es gibt bei der Satire, beim Humor, beim Kabarett und bei der Stand-up-Comedy Verbindungen zu „Didaktischen Reduktion“. Komik ist das Spiel mit Auslassungen. Immer geht es darum, aus einer Vielfalt auszuwählen. Kernbotschaften herauszuarbeiten. Komplexe Sachverhalte aufzubereiten und sie ansprechend, oder „eingängig“, manchmal auch zugespitzt, einem bestimmten Publikum zu präsentieren.

« I’dont know if comedians know how to work an audience anymore. »

Chris Rock im Interview mit Judd Apatow, S. 66

Noch anspruchsvoller ist diese Aufgabe für Karikaturisten. Mit wenigen Strichen und einzelnen Worten, müssen sie zu Rande kommen. Meister der Verkürzung sind für mich die Duos Greser&Lenz, sowie Hauck&Bauer, die wiederholt in der TITANIC, im Spiegel Online, aber auch in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung publizieren. Letztgenannte erzählen in Ihrem Interview vom 23.8.16 im Deutschlandfunk über ihren kooperativen und reduktiven Schaffensprozess.

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Greser&Lenz, Die Welt vom 4.11.14

Während Bühnenkünstler viel Zeit für den Aufbau ihrer Geschichte brauchen und diese schrittweise oder unerwartet zur Pointe führen, müssen Zeichnerinnen und Zeichner ihre Botschaft in nur einem oder in ganz wenigen Bildern transportieren. Genial, wenn es ihnen gelingt, fast ohne Worte und Text -nur mit rasch hingeworfenen Strichen- ein Schmunzeln oder Lachen bei den Betrachtenden hervorzuzaubern.

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Krautreporter, 22.10.14

Wer bis hierher gelesen hat, versteht mein Dilemma: selbst mir als als Trainer und Fachbuchautor fällt es schwer, das Phänomen in einfachen Worten zu umschreiben. Dabei bin ich gerade daran, dieses Thema, Reduktion mit Humor und Elementen aus der Stand-up-Comedy, bei der im Mai 2017 erscheinenden überarbeiteten Neuauflage meines Fachbuches, stärker zu gewichten.

Unter dem Titel „Reduziert, Didaktische Reduktion für Trainer, Ausbildende und Lehrende“ führe ich in der neuen Auflage auch Beispiele auf, wie eine humorvolle Haltung den Zugang zu Menschen und Themen vereinfachen und erleichtern kann.

Körperlich kann sich eine humorvolle Lebenseinstellung in Form von einer Reduktion der Stresshormone auswirken. Aus der Psychologie erhalten wir Hinweise, dass Humor unsere Fähigkeit, mit Belastungssituationen umzugehen, stärkt. Gemeinsames Lachen stärkt den Zusammenhalt und hilft, Konflikte zu entschärfen.

« Denn Satire, wenn man sie nicht so eng fasst wie das Kabarett oder sich ihr im Wunsch nach rein unterhaltsamer Ablenkung nicht verweigert wie die Comedy, kann so viel mehr sein. So viel mehr, dass vielleicht Satire längst nicht mehr der richtige Begriff dafür ist. Nur mehr ein Hilfswort, um juristische Auseinandersetzungen aushalten zu können. Ein inhaltlich eher störendes Codewort für „Hier dürfen wir alles. »

Tim Wolff, Chefredakteur TITANIC, 1.9.16 Nitro

 

Wer in der Erwachsenenbildung und im Training die Entfaltung der Teilnehmenden unterstützen will, so meine Erfahrung, wird sich an den neuen Fallbeispielen und Hinweisen erfreuen, die ihm in der Praxis Unterstützung bei der Auswahl und Aufbereitung von Stoff und Inhalten bieten können.

Storytelling…oder warum unser Gehirn Geschichten liebt

Eigentlich wissen wir es längst: Wenn wir eine Geschichte hören oder lesen, führen wir  verschiedene Geschehnisse dieser Geschichte „geistig“ aus. Oft sogar stellen wir uns die Handlung bildlich und in allen Farben vor.

Diese Tage war ich, wie viele Menschen, emotional berührt von den schrecklichen Ereignissen vom 7.1.15 in Paris. Underprivilegierte, verwirrte und emotional verhärtete Menschen verbreiteten Angst und Schrecken.

Charlie Hebdomadaire JeSuisCharlie CartoonUm mich etwas abzulenken und zu zerstreuen, las ich einen Artikel in der angesehen Zeitschrift „Psychological Science“. Dabei handelt es sich um eine „peer-reviewed“ Monatsschrift, die zu den verlässlichsten Quellen für Erkenntnisse aus der Neuropsychologie in den USA zählt.

In diesem Artikel, der bereits 2009 erschienen war und den Titel “Reading Stories Activates Neural Representations of Visual and Motor Experiences” trägt, halten die Forscher fest: Was in einer Geschichte passiert, „geschieht“ auch im Gehirn. Will heissen: Wir leben dort bis zu einem gewissen Grad die Geschichte ein zweites Mal aus.

Das Experiment mit den 28 Rechtshändern in St. Louis

Die Neuropsychologen an der Washington Universität in St. Louis setzten für verschiedene Experimente mit 28 Muttersprachlern leistungsfähige 3-T Siemens Visions Scanner (MRI) ein. Die Spielanlage beinhaltete, dass es sich um Rechtshändler handeln musste, die langsam und Satz für Satz eine Geschichte lesen mussten, bei der gleichzeitig die Gehirnströme gemessen wurden. Dies mit der Absicht herauszufinden, ob entsprechende Regionen durch einzelnen Abschnitte der Geschichte aktiviert wurden und mit einer stärkeren Durchblutung reagierten.

Ergebnis: Die Forscher fanden heraus, dass die Testpersonen in diesen Gehirnregionen besondere Aktivitäten zeigten, die auch im normalen Leben für die in der Geschichte geschilderten Vorgänge zuständig sind. Unterschiedliche Gehirnregionen reagierten auf unterschiedliche „Geschichts-Impulse“. Wenn der „Held“ der Geschichte sich bewegte, regte sich auch die Gehirnregion, die für Bewegung und Fortkommen zuständig ist. Wenn sich der „Held“ etwas vorstellte, zeigten sich Aktivitäten in jenen Regionen, die für Denkprozesse wichtig sind.

Präfrontaler CortexDie Rolle des Präfrontalen Kortex

Besonders spannend finde ich folgendene Erkenntnis: Wenn der Hauptdarsteller sein Ziel ändert, zeigten sich stärkere Reaktionen im Präfrontalen Kortex. Dieser Teil des menschlichen Gehirns wird oft mit der Fähigkeit, Ziele zu setzen und diese verfolgen zu können, in Verbindung gebracht. Typischerweise zeigen Menschen, die eine Schädigung des Präfrontalen Kortext erlitten haben, Schwierigkeiten darin, sich einfache Tagesziele zu setzen und diese erfolgreich zu realisieren. Ebenfalls beobachtete ich bei der Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Menschen, bei denen dieser Teil der Gehirnregion noch nicht vollständig ausgewachsen ist, exakt bei dieser Aufgabe (sich Ziele setzen und die Umsetzung der Ziele unverzüglich anzupacken) besondere Herausforderungen.

Wer eine Geschichte hört oder liest, verbindet in der Regel sein Weltwissen und seine Erfahrungen mit dem Stoff der neuen Geschichte. Die Forschungsergebnisse sagen dazu: Um die Geschichte „verstehen“ zu können, spielt das Gehirn die einzelnen Aspekte nochmals durch. Und Veränderungen in der Geschichte selber, spiegeln sich in veränderten Reaktionen in unterschiedlichen Hirnregionen.

Worauf Ausbildende und Lehrpersonen achten sollten

Storytelling hilft Lernenden, einen Sachverhalt geistig nochmals durchzuspielen. Wenn wir statt auf Begriffe, Zahlen und Fakten vermehrt auf Geschichten setzen, vereinfachen wir ihnen den Lernprozess. Durch diese „zweite Aufführung“ im Gehirn erstellen die Studierenden zusätzliche Verknüpfungen, verbreiten bestehende und speichern so Wissenselemente besser im Gehirn ab.

Meine persönliche Erkenntnis aus der Lektüre ist folgende: Eigentlich ist unser Gehirn ein lebendiges Datenverarbeitungssystem mit einer besonders effizienten „Software“, die umfangreiche Informationseinheiten gerne in Geschichten verpackt.

Und genau so wie eine gute Softwareentwicklerin gelobt wird, wenn ihr Programm…

  • grosse Datenmengen rasch verarbeitet
  • Informationen verdichtet
  • möglichst wenig Energie verbraucht
  • sichere Orientierung erlaubt
  • Fehler zulässt und trotzdem stabil bleibt
  • bei Teilausfällen trotzdem funktionsfähig bleibt
  • Mehrdeutigkeiten zulässt

verfügen wir Menschen mit dem Gehirn über dynamisches System, welches in Millionen Jahren gelernt hat, Informationen zu empfangen und weiterzugeben, ohne bei überraschenden Varianten gleich auszufallen.

Die höchste „Performanz“ zeigt sich aus meiner Sicht z.B. in der Fähigkeit, Ironie zu verstehen. Dazu ein Beispiel: Angenommen einem Kind passiert bei einem Familienausflug ein Missgeschick: Beim zweiten Auswurf bleibt ihm die Angelschnur der Fischerrute am Hut eines (noch) unbekannten anderen Hobby-Fischers hängen…

Stellen wir uns vor, dass dieser Vater, ohne dass das Kind sein Gesicht sieht, laut ausruft:

„Das hast du gut gemacht!“

Wenn das Kind in Sekundenbruchteilen in den verschiedensten Gehirnarealen nach Kurzgeschichten sucht, in denen die gehörten Zeichen von Bedeutung sind, wird es die Bedeung der väterlichen Aussage vermutlich verstehen. Wenn jedoch in seinem Repertoire kein Beispiel für Geschichten abrufbar ist, in denen eine Erwachsene Person nicht das meinte, was sie sagte, wird das Kind die Ironie nicht erfassen können.

Foto Junge unter Wasserstrahl

Nur das, was wiederholt vorkam oder tiefe emotionale Spuren hinterlassen hatte, wurde  im kindlichen Gehirn abgespeichert. Intuitiv wissen vermutlich alle Kinder dieser Welt, dass sie wohl über ein geniales „Starterkit“ verfügen, aber dieses Gehirn Stück für Stück mit weiteren Informationspaketen ergänzen müssen. Damit sie als Individuen in dieser Welt bestehen und sich reproduzieren können. Aber auch an veränderte Verhältnisse anpassen und dadurch überleben. Vermutlich ist dies der Grund, warum Kinder fragen:

  • Wie funktioniert die Welt?
  • Warum haben die Attentäter in Paris dies getan?
  • Wer bin ich ?
  • Wie muss ich mit anderen Menschen umgehen?
  • Wer beschützt mich, wenn ich bedroht werde?

Nur Antworten aus Geschichten sind klar und gleichzeitig auch undeutlich genug, um Varianten zuzulassen, sofern dies notwendig sein sollte. Storytelling…was uns als selbstverständlich erscheinen mag, ist vermutlich die genialste Erfindung der Evolution.

Quelle:
Speer, N. K., Reynolds, J. R., Swallow, K. M., & Zacks, J. M. (2009). Reading Stories Activates Neural Representations of Visual and Motor Experiences.Psychological Science, 20(8), 989–999. doi:10.1111/j.1467-9280.2009.02397.x

Didaktische Reduktion in China

aeB Switzerland goes ChinaThe Model of David A. Kolb and the Learning StylesThe Beginning of a Presentation

The Middle of a PresentationThe End of a Presentation  Bild

Im Auftrag einer grossen und weltweit engagierten Industriefirma aus Zürich führte ich diese Tage einen Trainingsauftrag in Shanghai durch. Die Chinesen sind sehr interessiert an westlichen Unterrichtskonzepten. Das Auftragsthema lautete „Didactics & Presentation Techniques“ und die Zielgruppe sind leitende Ingenieure und Techniker aus Shanghai und Peking.

Wir arbeiteten u.a. mit dem Modell von Martin Wagenschein (Grundlandschaft mit Tiefenbohrungen) und entwickelten Möglichkeiten für die Didaktische Reduktion.

Der Auftrag war erfolgreich und Mitte Juni findet eine Fortsetzung statt. Kommentar der chinesischen Partner:

„There are many companies in China interested in this kind of training!“.

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Weltweiter Zeitungskiosk…gleich um die Ecke!

Das Web 2.0 wird gerne als „Mitmach-Web“ bezeichnet. Denn ein wichtiges Kennzeichen von Social Media ist ja gerade die Möglichkeit, verschiedene Dienste wie Google, Twitter oder wordpress mit anderen Diensten verknüpfen zu können. Der Fachbegriff dazu lautet „Mash-up“ und durch diese „Aufmischung“ entstehen mitunter neue, interessante Angebote.

Die schwedische Firma Great Name spezialisierte sich darauf und hat den Dienst Google Maps zu einer Weltkarte der Zeitungen umfunktioniert.

Der Dienst verknüpft bereits Zeitungen aus 39 Ländern mit ihre korrekten geografischen Daten. So findet man z.B. in Kuba die Wochenzeitung „Juventud Rebelde“ oder in Deutschland die „Tageszeitung„.

Dank vielen kleinen, lokalen Zeitungen die auf der Karte aufgeführt sind erfährt die Leserschaft unter Umständen genauere Details zu einem Ereignis, als in überregionalen Zeitungen zu lesen ist.

Damit die Verständigung klappt, hat Great Name zu jeder Zeitung das Google Sprachtool integriert. Die Übersetzungen sind nicht immer über alle Zweifel erhaben, aber als sprachliches Erste-Hilfe-Set reicht’s allemal.

Im Newspaper Map  kann auf die jeweilige Stelle in der Weltkarte geklickt werden und so findet man heraus, welche Zeitungen, es in welchem Land gibt. Die Filterfunktion by language erlaubt, z.B. nur in spanischsprachigen Zeitungen zu suchen.

Neuerscheinung: Spielbar Swiss Edition

Zusammen mit 49 Autorinnen und Autoren aus der Alpenrepublik legt Axel Rachow hier nach Spielbar I, II und III eine neue Variante der beliebten Spiel-Sammlungen für die Seminarpraxis vor.

Rund 60 praktisch erprobte, brauchbare und von Ausbildungsprofis beschriebene Spielanleitungen werden auf ca. 200 Seiten systematisch beschrieben. Die einzelnen Seiten sind perforiert und erlauben so ein einfaches Heraustrennen und Sammeln der ausgewählten Spielideen. Ein Kategorienverzeichnis (von Wahrnehmungsspielen bis zu Rollen-, Entscheidungs- und Bewegungsspielen) sowie ein Vorschlagskatalog für Spielziele (von Kontakt aufbauen bis zu Standpunkte vertreten) hilft bei der Orientierung und Auswahl.

Im Vergleich zu früheren Ausgaben, wovon einige Ausbildungsfachleute oft gleich mehrere zu Hause in Griffnähe haben, ist diese eigentliche 4. Version der „Spielbar-Reihe“ noch etwas sorgfältiger mit Fotos und Anleitungen versehen, was eine Umsetzung und Anwendung  erleichtert. Ich weiss nicht wie es Ihnen ergeht: Das Gewohnheitstier Mensch schätzt den graphisch und in der Struktur immer gleichartigen Aufbau der Spielerklärungen, wer sich also bereits an die Reihenfolge von

-Ziel
-Beschreibung
-Variationen
-Kommentar
-Auswertung/ Überleitung
-Einsatzmöglichkeiten und
-Technische Hinweise

gewöhnt hat, wird sich mit der „Swiss Edition“ rasch zurechtfinden. Dies im Gegensatz zu den auch kostenlos im Internet greifbaren Spielesammlungen, wie sie einige Universitäten und pädagogische Fachhochschulen anbieten, die vielleicht ein aktuelleres und noch breiteres Spektrum bieten, aber durch die unterschiedlichen Darstellungsformen unübersichtlicher sind.

Fazit: „Vier Augen sehen mehr als zwei“ hiess es in meiner Jugendzeit. Diese praktische Spielesammlung zeigt die Vielfalt an methodischem Repertoire, die zusammenkommt, wenn 49 Personen ihre Spielvorschläge zwischen zwei Buchdeckel legen. „Homo ludens“, der spielende Mensch, den wohl auch Herbert Marcuse in Gedanken hatte, als er eine Rückbesinnung auf das Ästhetische und Spielerische forderte, freut sich daran, denn im Spiel liegt Potential um verfestigte Strukturen zu durchbrechen und Innovationen hervorzubringen.

Ich empfehle die Sammlung allen spielinteressierten und in der Aus- und Weiterbildung tätigen Personen und freue mich auf den nächsten Wurf, die Spielbar Nr. V, die dann vermutlich „Austria Edition“ heissen wird.

Spielbar Swiss Edition, von Axel Rachow und Johannes Sauer (Hrsg.), Verlag ManagerSeminare, ISBN 9 783941965416, März 2012

Lernen mit Social Media und Crowd-Sourcing…erweiterte Lernformen mit Web 2.0

Im Guardian erschien heute ein interessanter Artikel:

http://www.guardian.co.uk/technology/appsblog/2012/mar/23/apps-mobilephones?INTCMP=SRCH
Er berichtet über die innovative Firma http://www.memrise.com

Diese bieten ein einfaches und kostenloses online Lern-Instrument an, dessen Technologie auf „FarmVille“ – Ansätzen aufbaut: Mit einer einfachen Oberfläche können Fremdsprachen, also Wörter auf Englisch, aber auch Geschichte, Käsesorten etc. gelernt werden.

Die Technologie verbindet Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften mit dem menschlichen Spieltrieb. Wer mitlernt, kann sich, e nach dem, wie erfolgreich die Aufgaben bewältigt wurden, eine Art „blühender Garten“ erschaffen (was ja einer wunderbaren Metapher für das Lernen ist entspricht).

Fortgeschrittene können selber auch Aufgaben kreieren und auf der Plattform einstellen.  Die Anwendung ist als App auf Smartphones einsetzbar. Das Angebot befindet sich noch im Aufbau. Interessant ist das Beispiel der Lektionen auf Mandarin: Dort werden die Schriftzeichen auch als Symbol (was steckt hinter dem Zeichen für „Mensch“) dargestellt und ein kleiner Video zeigt, wie die Zeichen richtig geschrieben werden.

Das Offensichtliche entfernen und das Sinnvolle zufügen

Simplicity. Prinzipien der Einfachheit. So lautet ein auch für Bildungsfachleute interessantes Sachbuch des Schweizer Autorentrios Chris Brüggen, Michael Hartschen und Jiri Scherer.

Einfachheit, Klarheit, Übersichtlichkeit…wer sehnt sich im modernen Leben nicht danach? Im Mittelpunkt des hier besprochenen Buches stehen diese fünf Prinzipien, die auch den Aufbau des Buches bestimmen:

1.    Restrukturieren
2.    Weglassen
3.    Ergänzen
4.    Ersetzen
5.    Wahrnehmen

Zu Beginn jedes Kapitels stellen die Autoren die einzelnen Prinzipien kurz vor und erläutern sie dann mit maximal drei „Massnahmen zur Vereinfachung“. Und wie in einem guten Workshop endet jedes Kapitelende mit einer Transferübung, um das Gelernte zu vertiefen und für den eigenen Arbeitsbereich nutzbar zu machen.

Da ich seit einigen Jahren selber in der Schulung und Vermittlung von „Einfachheit“, sprich: Didaktischer Reduktion, tätig bin, hat mich der auf industrielle Produktion und Dienstleistungsunternehmen ausgerichtete Fokus dieses Buches interessiert. Auch wenn bei mir die Ausgangslage etwas anders ist, denn ich arbeite vielfach mit Ausbildungsleitenden und Bildungsabteilungen, die ganz dem Titel dieses Blogs entsprechend über „Viel Stoff und wenig Zeit“ klagen und überflüssige und redundante Inhalte aus Ihrem Unterricht aussieben möchten, aber trotzdem die wichtigsten Lerninhalte ansprechend und einprägsam vermitteln wollen.

Das Buch behandelt dieses Aspekte nur am Rande und nach meiner Erfahrung reicht eine Buchlektüre dazu auch nicht aus. Für didaktische Reduktion braucht es vielmehr eine Auseinandersetzung mit den Inhalten des Fachgebietes, zum Beispiel in einem Training oder in einer Beratung. Trotzdem sind viele in „Simplicity“ erwähnte Prinzipien adaptierbar, da Bildungsarbeit ja auch einer Prozessdienstleistung entspricht, die Potential für Vereinfachung bietet.

Kritisieren könnte ich bei diesem Buch die Tatsache, dass die Fachwörter erst ganz hinten sauber definiert werden; aber da ich meine Bücher sowieso oft vom Stichwortregister her starte, hatte ich keine Probleme damit. Schade finde ich aber, dass die gleich zu Beginn aufscheinenden Begriffe „komplex“ vs. „kompliziert“ nicht definiert werden, denn nach meiner Wahrnehmung scheitert der Erfolg von Produkten und Dienstleistungen oft an Letzterem. Meine Blogseite darf ruhig komplex sein, ich wünsche mir aber eine Bedienung, die nicht kompliziert sondern…einfach ist!

Fazit: Ich empfehle das klug strukturierte und angenehm zu lesende Buch allen Personen, die Strategien für einfach anzuwendende, an den Kundeninteressen ausgerichtete Produkte und Dienstleistungen suchen. Wie die Autoren übrigens freimütig anmerken, stammen viele ihrer Ideen aus dem 2007 erschienen, gleichnahmigen Buch des Japaners J. Maeda:

„Simplicity is about subtracting the obvious, and adding the meaningful“. Dies ist auch der Grund, warum ich die Übersetzung oben als Titel dieser Rezension nutzte.

Simplicity. Prinzipien der Einfachheit. Erschienen im September 2011
Gabal Verlag, 2011, ISBN 978-3-86936-245-8

FlatworldKnowlegde – Schul- und Lehrbücher mit Web 2.0 auf Zielgruppe anpassen

Schulbuchverlage: Aufgepasst!: FlatworldKnowledge bietet neu Schul- und Lehrbücher, die von Lehrern/Professoren umgeschrieben und an das jeweilige Unterrichtskonzept angepasst werden können:

“Remixable Books” nennt Flatworld-Knowledge sein Konzept, das irgendwie an http://www.bookriff.com erinnert. Eine interessante Idee – die auch schon einen Nachahmer gefunden hat: Kein geringerer als Macmillan Publishers Ltd. hat  2010 mit DynamicBooks ein CopyCat für den  Wissenschaftsbetrieb ins Rennen geschickt. Ob sich deutschsprachige Verlage das Konzept schon angeschaut hat?

Buchkritik: miminal lernen von Regina Hunter

Viel Stoff, aber wenig Zeit, beschäftigt wohl viele, wenn nicht alle Bildungsfachleute, aber in erster Linie natürlich Lernende, also Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Regina Hunter legt mit ihrem Titel ein handliches und aussagekräftiges Arbeitsbuch zum Thema vor. Sie schlägt minimales Lernen vor und meint damit einerseits den Lernstoff nach den Funktionsweisen des Gehirns aufzubereiten und andererseits die Motivation zum Lernen durch eine Reduktion des Lernstoffes auf das minimal Wichtige nicht zu überstrapazieren. Überraschend setzt sie für den Lernerfolg zu diesen zwei Elementen ein drittes dazu:  für das Lernen nur minimale Zeit zu gewähren.

Da ich selber seit einigen Jahren „didaktische Reduktion“ unterrichte und in Institutionen und Firmen entsprechende Schulungen leite, hat mich dieses Buch besonders interessiert.

Denn noch immer gibt es im deutschsprachigen Raum -mit Ausnahme von M. Lehner- kaum Beiträge zu diesem wichtigen Thema. Das vorliegende Buch versucht diese Lücke zu schliessen und bietet neben Hinweisen zu aktuellen neurobiologischen Forschungsresultaten eine Aufzählung der wichtigsten psychologischen Grundlagen erfolgreichen Lernens. Dabei spannt es den Bogen weit, von der Primarschule bis zur Erwachsenenbildung auf Hochschulstufe. Mir gefällt die Grundhaltung der Autorin, Bildungsarbeit als Beziehungsarbeit zu verstehen. So folge ich auch gerne ihrem Fazit, Lernerfolg gelinge letztlich am besten, wenn die Lernenden ermutigt werden einen innovativen, unkomplizierten, sie nennt es auch frechen Umgang, mit Wissen zu pflegen.

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in drei Kapitel, mit den Überschriften

  1. Mastering Oberhand gewinnen
  2. Das Minimale und
  3. Minimale Zeit bereitstellen.

Anschliessend folgt im Kapitel „Diskussion“ eine interessante Überleitung zu den Herausforderungen der Wissensgesellschaft und zur Forderung nach Teilhabe der Individuuen an dieser Gesellschaft. Hunter zitiert dabei Schlüter (2009):

„Bildung liefert Orientierungswissen in einer komplexen Welt. Wer nichts weiss, muss alles glauben.“

Lesenswert auch Ihre Beschreibung von Schulerfolg als starker Faktor der Resilienz, wo sie erneut die Bedeutung einer guten Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden herausstreicht.
Die Autorin schliesst mit einem „Ausblick“ und führt nochmals die Notwendigkeit von Innovation, aber auch die Bedeutung von Vernetzung und Inspiration für kommende Generationen aus. Sie zitiert Scharmer (2009) und meint, wir befänden uns „zunehmend in einer Situation, in der wir immer häufiger mit Herausforderungen und Veränderungen konfrontiert sind, denen mit den Denk- und Verhaltensmustern der Vergangenheit nicht beizukommen ist und die Deshalb ein Umdenken und einen neuen Ansatz notwendig machen.“

Wobei Einstein dies schon mal einfacher (auch wenn sprachlich evt. missverständlich) ausgedrückt hat:

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Fazit: Ein sorgfältig recherchiertes und praktisch umsetzbares Buch, geeignet für Bildungsfachleute, Schulleitende und Eltern, die für Kinder und Lernende „entgegenkommende Verhältnisse“ (Jürgen Habermas) schaffen wollen und die Bedeutung einer klugen, didaktischen Reduktion erkannt haben.

ISBN 978-3-03905-731-3, hep Verlag, November 2011, 68 Euro

http://www.amazon.de/minimal-lernen-Regina-Hunter/dp/3039057316/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1325709821&sr=8-1