Für eine Pädagogik in der Dimension 3.0

Das neue Buch “Digitale Dividende” von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow erinnert mit seinem Titel an den polemischen Bestseller “Digitale Demenz” des deutschen Psychiaters Manfred Spitzer. Doch im Gegensatz zu Spitzer betont Burow die erweiterten Möglichkeiten, die „Lernen in der Dimension 3.0“ den neuen Generationen bietet.

Digitale Dividende Olaf-Axel BurowDer Untertitel fasst die kritische Haltung Burows den „klassischen“ Bildungsinstitutionen gegenüber gut zusammen: “Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule”.

Drei Arten von Lernen unterscheidet der Unterrichtsentwickler und Kreativitätsforscher:

  • Lernen in der Dimension 1.0

Burow meint damit ursprüngliches oder „natürliches“ Lernen, aus eigenem Antrieb und mit selber definierten Lernzielen

  • Lernen in der Dimension 2.0

Industriell gestaltete und organisierte Lernprozesse, so wie in der Schule oft erlebt

  • Lernen in der Dimension 3.0

Eine Mischform, die auf bewährte Elemente aus den ersten beiden Varianten plus die „Digitale Dividende“, sprich Möglichkeiten der Informations- und Kommunikations-technologie baut. Denn die neuen Medien, klug eingesetzt, befähigen Bildungs-institutionen, unabhängig von Ort und Zeit, die besten Lehrpersonen und Lernmaterialien online zur Verfügung zu stellen. Und wenn Lernende und Studierende auch in die Produktion von Lernmaterialien einbezogen werden, ergibt sich ein vielfältig vernetztes Synergiefeld von Menschen und Gruppen mit all ihren Fähigkeiten.

Fazit: Ein inspirierendes und zeitgemässes Buch. Seine pädagogischen Analysen und praktischen Hinweise helfen interessierten Lehrpersonen und Ausbildenden, ihre Lernangebote näher an die Zukunft zu führen. Der Autor zeigt, dass er –im Gegensatz zu Spitzer- über den eigenen Tellerrand blicken kann in dem er auch Erfahrungen aus anderen Disziplinen in seinen Überlegungen berücksichtigt.

Lernen mit Social Media und Crowd-Sourcing…erweiterte Lernformen mit Web 2.0

Im Guardian erschien heute ein interessanter Artikel:

http://www.guardian.co.uk/technology/appsblog/2012/mar/23/apps-mobilephones?INTCMP=SRCH
Er berichtet über die innovative Firma http://www.memrise.com

Diese bieten ein einfaches und kostenloses online Lern-Instrument an, dessen Technologie auf „FarmVille“ – Ansätzen aufbaut: Mit einer einfachen Oberfläche können Fremdsprachen, also Wörter auf Englisch, aber auch Geschichte, Käsesorten etc. gelernt werden.

Die Technologie verbindet Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften mit dem menschlichen Spieltrieb. Wer mitlernt, kann sich, e nach dem, wie erfolgreich die Aufgaben bewältigt wurden, eine Art „blühender Garten“ erschaffen (was ja einer wunderbaren Metapher für das Lernen ist entspricht).

Fortgeschrittene können selber auch Aufgaben kreieren und auf der Plattform einstellen.  Die Anwendung ist als App auf Smartphones einsetzbar. Das Angebot befindet sich noch im Aufbau. Interessant ist das Beispiel der Lektionen auf Mandarin: Dort werden die Schriftzeichen auch als Symbol (was steckt hinter dem Zeichen für „Mensch“) dargestellt und ein kleiner Video zeigt, wie die Zeichen richtig geschrieben werden.

Neuausgabe „Handbuch E-Learning, Lehren und Lernen mit digitalen Medien“ von Patricia Arnold et al.

E-Learning und Lernen 2.0 ist in aller Munde. Nach dem Hype der 90-er Jahre, die dem E-Learning das Potenzial zusprachen, die ganze Bildungslandschaft umzukrempeln, stehen Bildungsfachleute heute den neuen Technologien nach einer Phase der interessierten Reserviertheit wieder zunehmend positiver gegenüber.

Warum ist dies so? Kompetenzorientiertes E-Learning mit Sozialen Medien nutzt heute die erweiterten Möglichkeiten der „Sozialen Software“, die Menschen hilft, über örtliche Barrieren und Präsenzunterricht hinweg über das Internet zusammen zu arbeiten und Wissen zu teilen. Gut augebautes Lernen 2.0 setzt auf die Emanzipation der Lernenden, die ihre Alltagserfahrungen und ihr Wissen über interaktive Plattformen wie Blogs oder Wikis einbringen, kommentieren, reflektieren und gemeinsam weiterentwickeln.

Die AutorInnen des hier besprochenen Sachbuches, alles Fachleute für Blended-Learning-Konzeptionen auf Hochschulstufe, führen in diesem Buch unter der Leitung von Dr. phil. Patricia Arnold, wichtige Erkenntnisse über entscheidende Erfolgsfaktoren für E-Learning-Angebote im Kontext von Erwachsenenbildung schlüssig zusammen.

Ihr Fazit: Bedarfsgerechte Lernkonzeptionen sind der entscheidende Erfolgsfaktor für E-Learning Angebote. Die informations- und kommunikationstechnischen Innovationen bilden lediglich die Voraussetzungen, um die für erfolgreiches Lernen im virtuellen Raum erforderliche pädagogische Infrastruktur zu schaffen. Das Ziel muss sein, selbst organisiertes kooperatives Lernen zu ermöglichen.

Im Vergleich zum ersten Handbuch (2004), welches vor allem Ergebnisse aus einer deutschen Studie über den Einsatz von E-Learning auf Fachhochschulstufe referierte, bietet das überarbeitete Handbuch praktisch umsetzbare Hinweise für die erfolgreiche Gestaltung von Bildungsmassnahmen, unterstützt durch den Einsatz digitaler Möglichkeiten. Auf über 400 Seiten spannen die AutorInnen den Bogen von der Didaktik bis zur Entwicklung und Evaluation virtueller Bildungsangebote und ihre umfangreiche Textsammlung spricht neben der Hauptzielgruppe Hochschullehrkräften auch Dozenten und vielleicht etwas eingeschränkter Ausbilder und Studierende an.

Der Band berichtet über Grundlagen erfolgreicher Lehr- und Lernprozesse, die Auswahl, Gestaltung und Implementierung sowie Nutzung virtueller Bildungsräume und persönlicher Lernumgebungen. Auf das Thema „Kosten“ und technische Details wird allerdings nicht eingegangen. Die umfassende Darstellung von Web 2.0 Werkzeugen, die Ausführungen zu Qualitätsmanagement (hier verstanden als „Qualitätsentwicklung“) machen das Handbuch jedoch zu einem wertvollen Begleiter im Arbeitsalltag von Bildungsfachleuten, insbesondere von Umsetzern und erfahrenen Praktikern. Konsequent aus einer didaktischen Perspektive gedacht, hat mir das Buch wertvolle Impulse für die Durchführung von Seminaren und Firmenschulungen zum Thema „Lernen 2.0 und Perspektiven für Bildungsfachleute“ gegeben.

Fazit: Hier waren Spezialisten am Werk, die eine schlüssige und eingängige Struktur gewählt haben und die inhaltliche Breite und fachliche Fundierung sind beeindruckend. Das erste und letzte Kapitel bilden quasi die Klammer und Rahmen für E-Learning und die Autoren stellen sich hier Fragen, die sich alle am Thema interessierten Fachleute stellen würden: Was sind die Voraussetzungen für E-Learning? Wie können wir die Nachhaltigkeit der Lernprozesse sicher?

Was würde ich anders machen, wenn ich ein solches Buch schreiben würde? Der Band legt aus meiner Sicht ein zu starkes Gewicht auf das „Lehren“ statt „Lernen“. Die Förderung von Kompetenzen, oder wie ich es persönlich bevorzuge, der „Performanz“ (siehe Hans Furrer in Das Berner Modell 2009), die heute in der beruflichen Bildung im Sinne von „Problemlösefähigkeit“ längst im Mittelpunkt steht, sollen hier offenbar weniger gefördert werden, sondern es geht in erster Linie um Ziele auf der Wissensebene. Dies halte ich für weder besonders innovativ, noch sinnvoll. Und dann verfügt der Band auch über ein Glossar, nicht aber über ein Stichwortverzeichnis, was für mich bei einem Handbuch zur Grundaustattung gehören sollte.

Aber trotz der Kritik ist das Buch vermutlich einer der besten aktuell greifbaren Titel zum Thema E-Learning und für Bildungsfachleute eine wertvolle Unterstützung.

Handbuch E-Learning: Lehren und Lernen mit digitalen Medien, Patricia Arnold et al., Bertelsmann Verlag, September 2011, ISBN 978-3763948888

FlatworldKnowlegde – Schul- und Lehrbücher mit Web 2.0 auf Zielgruppe anpassen

Schulbuchverlage: Aufgepasst!: FlatworldKnowledge bietet neu Schul- und Lehrbücher, die von Lehrern/Professoren umgeschrieben und an das jeweilige Unterrichtskonzept angepasst werden können:

“Remixable Books” nennt Flatworld-Knowledge sein Konzept, das irgendwie an http://www.bookriff.com erinnert. Eine interessante Idee – die auch schon einen Nachahmer gefunden hat: Kein geringerer als Macmillan Publishers Ltd. hat  2010 mit DynamicBooks ein CopyCat für den  Wissenschaftsbetrieb ins Rennen geschickt. Ob sich deutschsprachige Verlage das Konzept schon angeschaut hat?

Buchkritik: miminal lernen von Regina Hunter

Viel Stoff, aber wenig Zeit, beschäftigt wohl viele, wenn nicht alle Bildungsfachleute, aber in erster Linie natürlich Lernende, also Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Regina Hunter legt mit ihrem Titel ein handliches und aussagekräftiges Arbeitsbuch zum Thema vor. Sie schlägt minimales Lernen vor und meint damit einerseits den Lernstoff nach den Funktionsweisen des Gehirns aufzubereiten und andererseits die Motivation zum Lernen durch eine Reduktion des Lernstoffes auf das minimal Wichtige nicht zu überstrapazieren. Überraschend setzt sie für den Lernerfolg zu diesen zwei Elementen ein drittes dazu:  für das Lernen nur minimale Zeit zu gewähren.

Da ich selber seit einigen Jahren „didaktische Reduktion“ unterrichte und in Institutionen und Firmen entsprechende Schulungen leite, hat mich dieses Buch besonders interessiert.

Denn noch immer gibt es im deutschsprachigen Raum -mit Ausnahme von M. Lehner- kaum Beiträge zu diesem wichtigen Thema. Das vorliegende Buch versucht diese Lücke zu schliessen und bietet neben Hinweisen zu aktuellen neurobiologischen Forschungsresultaten eine Aufzählung der wichtigsten psychologischen Grundlagen erfolgreichen Lernens. Dabei spannt es den Bogen weit, von der Primarschule bis zur Erwachsenenbildung auf Hochschulstufe. Mir gefällt die Grundhaltung der Autorin, Bildungsarbeit als Beziehungsarbeit zu verstehen. So folge ich auch gerne ihrem Fazit, Lernerfolg gelinge letztlich am besten, wenn die Lernenden ermutigt werden einen innovativen, unkomplizierten, sie nennt es auch frechen Umgang, mit Wissen zu pflegen.

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in drei Kapitel, mit den Überschriften

  1. Mastering Oberhand gewinnen
  2. Das Minimale und
  3. Minimale Zeit bereitstellen.

Anschliessend folgt im Kapitel „Diskussion“ eine interessante Überleitung zu den Herausforderungen der Wissensgesellschaft und zur Forderung nach Teilhabe der Individuuen an dieser Gesellschaft. Hunter zitiert dabei Schlüter (2009):

„Bildung liefert Orientierungswissen in einer komplexen Welt. Wer nichts weiss, muss alles glauben.“

Lesenswert auch Ihre Beschreibung von Schulerfolg als starker Faktor der Resilienz, wo sie erneut die Bedeutung einer guten Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden herausstreicht.
Die Autorin schliesst mit einem „Ausblick“ und führt nochmals die Notwendigkeit von Innovation, aber auch die Bedeutung von Vernetzung und Inspiration für kommende Generationen aus. Sie zitiert Scharmer (2009) und meint, wir befänden uns „zunehmend in einer Situation, in der wir immer häufiger mit Herausforderungen und Veränderungen konfrontiert sind, denen mit den Denk- und Verhaltensmustern der Vergangenheit nicht beizukommen ist und die Deshalb ein Umdenken und einen neuen Ansatz notwendig machen.“

Wobei Einstein dies schon mal einfacher (auch wenn sprachlich evt. missverständlich) ausgedrückt hat:

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Fazit: Ein sorgfältig recherchiertes und praktisch umsetzbares Buch, geeignet für Bildungsfachleute, Schulleitende und Eltern, die für Kinder und Lernende „entgegenkommende Verhältnisse“ (Jürgen Habermas) schaffen wollen und die Bedeutung einer klugen, didaktischen Reduktion erkannt haben.

ISBN 978-3-03905-731-3, hep Verlag, November 2011, 68 Euro

http://www.amazon.de/minimal-lernen-Regina-Hunter/dp/3039057316/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1325709821&sr=8-1