Für eine Pädagogik in der Dimension 3.0

Das neue Buch “Digitale Dividende” von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow erinnert mit seinem Titel an den polemischen Bestseller “Digitale Demenz” des deutschen Psychiaters Manfred Spitzer. Doch im Gegensatz zu Spitzer betont Burow die erweiterten Möglichkeiten, die „Lernen in der Dimension 3.0“ den neuen Generationen bietet.

Digitale Dividende Olaf-Axel BurowDer Untertitel fasst die kritische Haltung Burows den „klassischen“ Bildungsinstitutionen gegenüber gut zusammen: “Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule”.

Drei Arten von Lernen unterscheidet der Unterrichtsentwickler und Kreativitätsforscher:

  • Lernen in der Dimension 1.0

Burow meint damit ursprüngliches oder „natürliches“ Lernen, aus eigenem Antrieb und mit selber definierten Lernzielen

  • Lernen in der Dimension 2.0

Industriell gestaltete und organisierte Lernprozesse, so wie in der Schule oft erlebt

  • Lernen in der Dimension 3.0

Eine Mischform, die auf bewährte Elemente aus den ersten beiden Varianten plus die „Digitale Dividende“, sprich Möglichkeiten der Informations- und Kommunikations-technologie baut. Denn die neuen Medien, klug eingesetzt, befähigen Bildungs-institutionen, unabhängig von Ort und Zeit, die besten Lehrpersonen und Lernmaterialien online zur Verfügung zu stellen. Und wenn Lernende und Studierende auch in die Produktion von Lernmaterialien einbezogen werden, ergibt sich ein vielfältig vernetztes Synergiefeld von Menschen und Gruppen mit all ihren Fähigkeiten.

Fazit: Ein inspirierendes und zeitgemässes Buch. Seine pädagogischen Analysen und praktischen Hinweise helfen interessierten Lehrpersonen und Ausbildenden, ihre Lernangebote näher an die Zukunft zu führen. Der Autor zeigt, dass er –im Gegensatz zu Spitzer- über den eigenen Tellerrand blicken kann in dem er auch Erfahrungen aus anderen Disziplinen in seinen Überlegungen berücksichtigt.

Daniel Goleman: Konzentriert euch! Eine Anleitung zum modernen Leben.

Einerseits handelt es sich beim neuen Buch von Daniel Goleman klar um klassische „Ratgeber-Literatur. Mit der Kernbotschaft, frei nach Ray Bradbury: „Lieben Sie, was Sie tun und tun Sie, was Sie am meisten lieben. Doch tun Sie es fokussiert und mit Leichtigkeit…und das Leben wird Sie belohnen.“

Andererseits geht es in diesem Buch um viel mehr: Darum, wie wir die drohende Zerstörung der Ökosysteme durch Verschmutzung, Verschwendung und Übernutzung abwenden können.

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Goleman strukturiert das Buch in 7 Teile, wobei das letzte Kapitel alles wieder zusammenführt und folgerichtig „Das grosse Bild – In eine lange Zukunft führen“ heisst.

Doch schauen wir der Reihe nach, was er in seinem Buch offeriert:

Im 1. Kapitel unterscheidet Goleman erholsames und inspiriertes Gedankenwandern vom abgelenkten und unkonzentrierten Multitasking vieler Zeitgenossen. Während das erste zu Einsichten und neuen Ideen führen mag, leidet beim zweiten meist die Qualität der Arbeit. Goleman empfiehlt Phasen konzentrierter Arbeit mit Phasen von Erholung und Entspannung zu ergänzen und Ruhepausen nicht erst auf’s Wochenende oder  „wohlverdiente“ Ferien zu verlegen.

Im 2. Kapitel geht es um Selbstwahrnehmung. Der Autor zitiert Artisten des „Cirque du Soleil“, die ihre waghalsige Akrobatik nur dank einem entwickelten Körpergefühl und einem direkten Draht zu ihrem inneren „Steuerruder“, zustande bringen. Goleman bezieht sich hier auf das Konzept der somatischen Marker seines Kollegen Antonio Damàsio, mit wie Goleman an den Gesprächen des Mind and Life Institutes partizipierte. Gemäss Damàsio sind Emotionen kein Luxus, sondern ein komplexes Hilfsmittel im Daseinskampf. Den Akrobaten der Zirkusgruppe sagt das Bauchgefühl im entscheidenden Moment, ob ein Entscheid richtig oder falsch ist. Im Buch klingt dies so: „Es ist das Gefühl. Du spürst es in den Gelenken, bevor du es im Kopf weisst.“

Das 3. Kapitel hat mir besonders entsprochen, denn hier rollt der Autor die „Triade der Empathie“ aus. Er erklärt, warum soziale Sensibilität wichtig für entwickelte Gesellschaften ist und wie die Gehirnstrukturen von selbstbezogenen und gefühlskalten Menschen, aufgebaut sind.

Im 4. Kapitel geht es um den „grossen Zusammenhang“, mit dem Goleman aufzeigt, wie uns Systemblindheit hindert, innovative Lösungen für die drängende Probleme und Herausforderungen voranzutreiben. Insbesondere wenn es sich um Gefahren wie die Erderwärmung (wir könnten hier auch die Nukleartechnologie anfügen) handelt, deren Lasten besonders den nachfolgenden Generationen aufgebürdet wird.

Vom klugen Üben und der Bedeutung von Wiederholung und Ausdauer, aber auch unmittelbarem und differenzierten Feedback, schreibt Goleman im 5. Kapitel. Wer in der Erwachsenenbildung oder im Training tätig ist, sieht hier Parallelen zu John Hatties vielzitiertem Buch „Lernen sichtbar machen“.

Das 6. Kapitel richtet sich an die „konzentrierte Führungskraft“, die weiss, wie man Prioritäten setzt und Komplexität reduziert. Wohl mit einem Augenzwinkern wiederholt Goleman das Bonmot von Microsoft-Chef Steve Ballmer, der seinen Mitarbeitenden den „Tod durch PowerPoint“ ersparen will, und darum betriebsintern bevorzugt andere, fokussierte Präsentationsmethoden einsetzt.

Fazit: Ein lesenswertes Buch mit anregenden Impulsen wider die leidige Tendenz zur Zerstreutheit. Ich empfehle es allen Berufsleuten und Studierenden, die den Anspruch haben, konzentriert und mit Tiefgang komplexe Themen erschliessen zu können.

Klar, der Autor setzt den Lesenden zuliebe auf eine didaktische Struktur, die vielleicht nicht immer die ganze „Verwickeltheit“ des Themas abbildet. Doch die offerierten roten Fäden erleichtern den Lesefluss und schließlich bleibt es dem kritischen Publikum überlassen, bei einzelnen Kapiteln einen Zwischenhalt einzulegen um mit dem eingangs erwähnten „inspirierten Gedankenwandern“ ein Phänomen zu vertiefen und weiter auseinanderzufalten.

Buchtipp: Lernlust. Worauf es im Leben wirklich ankommt. Von Gerald Hüther und Peter M. Endres

Um Texte, in denen selbsternannte Heilsbringer ihre Weisheiten verbreiten, mache ich gewöhnlich einen grossen Bogen. Das hier rezenzierte Buch „Lernlust…“ gehört in eine andere Kategorie. Natürlich neigt der hier bereits besprochene Gerald Hüther zum Dozieren. Und  der Unternehmer Peter M. Endres sieht sich als wichtigsten Steuermann an Bord. Durch die Form des Dialogs, offenbart sich der Text als „Kaminfeuergespräch“, zu dem sich jeder, der dabei war, eine Meinung bilden darf.

Bildschirmfoto 2014-01-27 um 22.17.28Um was geht’s?

Zwischen den beiden Buchdeckeln trifft der engagierte Gerhirnforscher auf den Manager, der während zwanzig Jahren einen namhaften deutschen Versicherungskonzern führte. Das Buch gliedert sich wie ein Lehrbuchtext der neueren Sorte, in dem jedes Kapitel mit einer Erkenntnis startet und sich anschliessend in vier Unterkapitel teilt, bevor ein praktisches Beispiel aufzeigt, wie diese neuen Gedanken bereits erfolgreich erprobt werden.

Besonders beeindruckend fand ich das Beispiel der sogenannten „Sprachbotschafter“. Dabei handelt es sich in der Regel um ältere Schülerinnen und Schüler, die Jüngeren in Deutsch oder Mathe helfen oder diese auch sonst beim Lernen unterstützen. Zielgruppe sind vor allem Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache kennen.

Das Projekt zeigt: Jeder profitiert vom anderen, das heisst die Älteren lernen, wie es ist, etwas zu lehren. Und die Jüngeren entdecken, wie viel Spaß es plötzlich machen kann, diese schwere Sprache zu verstehen. Außerdem lernen ungefähr gleichaltrige Schüler untereinander einfach besser.

Da ich in der Schweiz im Bildungsbereich arbeite, in einem Land mit einer grossen Sprachenvielfalt (was für viele Migrantenfamilien eine enorme Herausforderung bedeutet), hat mich dieser Zugang besonders beeindruckt.

Fazit: Bildungsarbeit ist letztlich Beziehungsarbeit. Aber auch in der Führung und im Management geht es darum, Menschen empathisch zu begegnen und als Subjekte und nicht als Funktionsträger zu behandeln. Diese Grunderkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, dem ich eine offene und interessierte Leserschaft wünsche.

Buchtipp: „alphabet: Angst oder Liebe“ von Erwin Wagenhofer

„Wir müssen anders leben“ sagte der Regisseur Erwin Wagenhofer schon in seinem Film „We feed the world“. Im Buch zum aktuellen Film „alphabet“ versucht er seine globalisierungskritische Sicht noch grundsätzlicher zu fassen. Dabei nutzt er treffsichere Zitate und Aussagen, für die man -hätte man das Buch nicht gekauft- im Film mehrfach das Notizheft zücken möchte.

Letztlich benützt der talentierte Regisseur die portraitierten Persönlichkeiten und das Thema „Bildungsmisere“ als Vehikel, um die wichtige Frage zu stellen: wenn das aktuelle System, welches auf Kontrolle und Angst beruht, eine freie Entwicklung hindert oder gar unmöglich macht – was könnte dann ein Gegenmodell sein?

Der britische Bildungsforscher Sir Ken Robinson, der im Buch eine Art geistige Klammer bietet, meint dazu: „People do their best when they do the thing they love, when they are in their element“.
Filmplakat "alphabet"Und der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther, der am 31.5.13 in der Schweiz am 1. Bildungskongress – Schulen der Zukunft, einen Auftritt hatte, wird im Buch zitiert:

„Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.“

Fazit: Ein lesenswertes Buch und ein aufrüttelnder Film, denen viele wache Leser, Zuschauer und Bildungsverantwortliche zu wünschen sind.
Dies auch, weil für den Regisseur nicht einfach das System verantwortlich ist, sondern jeder einzelne. Die Forderung nach einer eigenen Haltung, hat er vermutlich nie drängender gestellt als in „alphabet“.

Interview mit Gerald Hüther über die Bedeutung der Selbstorganisation und Potenzialentfaltung

Ende Mai 2013 hatte ich Gelegenheit, mich mit Prof. Dr. Gerald Hüther in Zürich zu treffen. Der breiteren Öffentlichkeit ist der sympathische Neurobiologe und Leiter der Zentralstelle für neurobiologische Präventsionsforschung der Unis Göttingen und Mannheim / Heidelberg durch eine Reihe von Büchern bekannt, die anregende Titel tragen:

Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen (2012)

Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden (2012)

Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher (2011)

Foto Gerald Hüther

Im Folgenden finden Sie das Interview, welches im Dezember 2013 in der Agenda Nr. 7, dem Kundenmagazin der aeB Schweiz – Akademie für Erwachsenenbildung, erschienen ist.

Interview mit Gerald Hüther

John Hattie, Lernen sichtbar machen: Auf die Fähigkeiten der Lehrperson kommt es an

John Hattie ist Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Melbourne, Australien.

„Visibel Learning“ hiess sein Buch im Original, was man gut mit „sichtbare Lernprozesse“ übersetzen könnte.

Seit einigen Monaten wird seine inzwischen auf Deutsch vorgelegte epochale Sammlung, oder besser gesagt: Synthese von über 800 Meta-Analysen zum aktuellen Wissenstand über die Bedingungen des schulischen Lernens, heftig diskutiert.

Hattie extrahiert in seinem Buch 138 Faktoren, die in unterschiedlicher Stärke mit den Lernleistungen interagieren. Er beschreibt diese detailliert und zieht Schlüsse für die Gestaltung von Schule und Unterricht.

Entscheidend für guten Unterricht, der auch bildungsferne Schichten erreicht, so Hattie, sei der Lehrer und die Lehrerin.

Zitat: „Wir diskutieren leidenschaftlich über die äusseren Strukturen von Schule und Unterricht. Sie rangieren aber ganz unten in der Tabelle und sind, was das Lernen angeht, unwichtig.“

Denn Hattie geht es um Evidenz und seine Daten zeigen ganz klar, dass sich Unterschiede im Lernzuwachs nicht zwischen Schulen zeigen, sondern zwischen einzelnen Klassen, letztlich zwischen einzelnen Lehrpersonen. Er folgert daraus: Was Schüler lernen, überall auf der Welt, bestimmt die einzelne Lehrperson.

Für meine Arbeit bei der aeB Schweiz und in der Ausbildung von Erwachsenenbildner heisst dies: Ausbildende sollten ein breit gefächertes Repertoire an verschiedenen Unterrichtsstilen und Methoden aufbauen, die sie oder er je nach Zielgruppe einsetzen, „evidenzbasiert“ auswerten und auch mal mutig verwerfen.

Am 5.9.13 hatte ich mit rund 120 Bildungsinteressierten Gelegenheit, an dem von der aeB Schweiz mitorganisierten Referat des deutschten Hattie-Übersetzers Wolfgang Beywl in der PH St. Gallen teilzunehmen. Sein Verdienst ist es, das Buch „Visible Learning“ erfolgreich ins Deutsche übersetzt zu haben.

Da ich selber ursprünglich Übersetzer und Dolmetscher studierte, weiss ich um die enorme Schwierigkeit der Übersetzung von Fachbegriffen. Denn diese Begriffe haben stets eine Tradition und für den Übersetzer -besonders von pädagogischen Sachbüchern- stellt sich die Frage: In welche Tradition reihe ich mich ein?

Wolfgang Beywl arbeitete gut den Kerngedanken und die „kreative“ Hauptleistung des Bildungsforschers Hattie heraus: Mit der Messgrösse „Effektstärke“, die er im Buch anhand der Graphik von Barometern zeigt, einprägsam aufzeigen zu können, was gemäss den zurückliegenden Grund- und Metastudien erfolgreiches Lernen wirklich unterstützt.

Damit fasst er viele Bausteine zusammen (Erkenntnisse, die vielfach auch in anderen lokalen Studien bereits beschrieben wurden) und verdichtet sie in Aussagen, die zur Diskussion anregen, z.B. über die Frage: Was ist förderlich, was ist wichtig und welche Lehrstrategien versprechen im Vergleich zum Aufwand am meisten Lernfortschritte?

Meine Take-Home-Messages:

  • Ausbildende und Bildungsverantwortliche sollten den Mut haben, immer wieder mit der eigenen Realität zu spielen.
  • Es gibt gewisse Regelmöglichkeiten, Lernende in ihren Lernprozessen optimal zu unterstützen. Hattie listet im Buch über 138 Faktoren auf.
  • Der Lernzuwachs muss wichtig bleiben; Lehrpersonen sollen den „Lernfortschritt“ ihrer Lernenden stets im Auge behalten
  • Hattie hat viel Empathie für leidenschaftliche Lehrpersonen. Denn Sie machen den Unterschied und lassen den „Funken springen“.

Succint and to the point…warum uns die Angelsachsen in der Rhetorik voraus sind.

Hand auf’s Herz: Im deutschsprachigen Raum geben wir viel dafür, dass rationale, methodisch aufbereitete Inhalte in unseren Vorträgen die Hauptrolle spielen sollen. Zu viel Beredsamkeit scheint uns verdächtig: reisserisch, kommerziell…irgendwie unseriös.

Da ich diese Tage ein Training zum Thema „Präsentationstechnik“ in Englisch umsetzen konnte, beschäftigte ich mich intensiv mit angelsächsischer Rhetorik. Dabei fiel mir erneut auf: Viele Redner im englischsprachigen Kulturkreis packen die Sache pragmatischer an. Nicht Zahlen, Daten und Fakten zählen – am besten schön nachvollziehbar auf PowerPoint gebrannt und in einem Massnahmenkatalog gebündelt.

Nein, das Motto lautet:

„All business is showbusiness.“

Vor allem die US-Amerikaner rütteln ihr Publikum mit zugespitzen Aussagen, optimistischen Visionen und ansprechend gestalteten „Slides“ aus dem Dämmerschlaf.

Doch sowenig die fast schwebend über die San Francisco Bay gespannte Golden Gate Bridge ohne Pfeiler auskommt, vertraut die nordamerikanische Rhetorik allein auf ausladende Gestik und grosse Worte.

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Je komplexer das Thema, desto mehr Sorgfalt verwenden auch die Nordamerikaner darauf, ihre Behauptungen zu stützen. Doch im Unterschied zu Deutschen oder Schweizern setzen sie Details und Fakten anders ein als wir: Trägt die Info zur Klarheit bei? Unterstützt sie argumentativ die „Big Idea“?

Leuchtet die Info nicht unmittelbar ein oder gewinnt sie nicht automatisch maximale Zustimmung, würde sie die Rede nur überfrachten. Folglich fällt sie raus. Im besten Fall werden hilfreiche Details exakt in dem Moment geliefert, wo das Publikum danach verlangt.

Beispiel: Statt über die erschreckende Tatsache zu sprechen, dass zur Zeit jährlich 20 Mio. Hektar Regenwald abgeholzt werden, sagen die Angelsachsen:

„Diese Fläche entspricht ungefähr der Grösse von England.“.

Aus Sicht der Didaktischen Reduktion möchte ich festhalten: Für mich bedeutet inhaltliche Dichte und Stringenz mehr und anderes als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Einzelfakten. Denn Substanz kann auch bedeuten, dass eine Rede den Zuhörern eine tatsächliche Argumentation, einen Gedankengang, zumutet.

Fazit: Angelsachsen setzen mehr auf die Wirkung einer Rede, als auf die erschöpfende Behandlung des Themas. Um Zahlen und Komplexität einfacher zu vermitteln, verwenden sie einen besonderen Begriff: „Social Math“. Die „soziale Mathematik“ bettet Zahlen in einen für die Zuhörer möglichst nachvollziehbaren gesellschaftlichen Kontext. Damit öffnet sie neue, auch emotionale Dimensionen des Begreifens.

Angewendet auf das oben aufgeführte Beispiel:

„Würde jeder Einwohner in den USA seine Seitenränder von 3 cm auf 2 cm ändern, würden wir soviel Schreibpapier einsparen, dass wir jedes Jahr einen Wald etwa in der Grösse von Rhode Island retten könnten.“

Didaktische Reduktion in China

aeB Switzerland goes ChinaThe Model of David A. Kolb and the Learning StylesThe Beginning of a Presentation

The Middle of a PresentationThe End of a Presentation  Bild

Im Auftrag einer grossen und weltweit engagierten Industriefirma aus Zürich führte ich diese Tage einen Trainingsauftrag in Shanghai durch. Die Chinesen sind sehr interessiert an westlichen Unterrichtskonzepten. Das Auftragsthema lautete „Didactics & Presentation Techniques“ und die Zielgruppe sind leitende Ingenieure und Techniker aus Shanghai und Peking.

Wir arbeiteten u.a. mit dem Modell von Martin Wagenschein (Grundlandschaft mit Tiefenbohrungen) und entwickelten Möglichkeiten für die Didaktische Reduktion.

Der Auftrag war erfolgreich und Mitte Juni findet eine Fortsetzung statt. Kommentar der chinesischen Partner:

„There are many companies in China interested in this kind of training!“.

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Didaktische Reduktion im Literatur-Unterricht

Didaktischen Reduktion ist eine Methode, bei der es darum geht, eine komplexe Wirklichkeit zu vereinfachen, zu reduzieren, um damit eine den Lernenden angemessene Präsentation der Lerninhalte zu erreichen.

Dabei führt die Didaktische Reduktion komplexe Sachverhalte auf ihre wesentlichen Elemente zurück, um sie für Studierenden übersichtlich und verständlich zu machen.

Synonyme sind z.B. Vereinfachung, Elementarisierung, Transformation. Wenn ich bei Firmen und Organisationen Didaktische Reduktion unterrichte, weise ich stets darauf hin, dass es dabei nicht um eine Simplifizierung oder Trivialisierung geht (obwohl im Englischen der Begriff „simplify“ -anders als im Deutschen- positiv konnotiert ist), sondern eine qualitative oder quantitative Anpassung des Stoffes an die Zielgruppe.

Aus purem Spass sammle ich hier auf dieser Liste Beispiele für „Didaktische Reduktion im Literatur-Unterricht“ mit Titeln aus der Weltliteratur:

Altes Testament: Moses schafft’s nicht bis zum Gelobten Land.

Neues Testament: Jesus schafft’s über den See Genezareth zu laufen.

Samuel Beckett, Warten auf Godot: Er kommt nicht.

Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter: Die Brandstifter wohnen bei ihm im Estrich.

William Golding, Herr der Fliegen: Alle werden von der Insel gerettet. Ausser Piggy, der ermordet wird.

George Orwell, Farm der Tiere: Dieselbigen werden im Verhalten und Aussehen immer menschlicher.

Shakespeare, Macbeth: Lady Macbeth zog im Hintergrund die Strippen.

Shakespeare, Romeo und Julia: Romeo und Julia töten sich.

John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen: George erzählt Lennie von den Kaninchen und tötet ihn dann.

Die Liste wird bei Gelegenheit fortgesetzt. Wer hat selber Ideen, wie ein Buch oder der Inhalt eines Theaterstücks oder eines Filmes in einem Satz oder Wort „didaktisch reduziert“ werden könnte?

Wer schreibt diesen Blog?

Ihr Besuch auf dieser Seite freut mich.

Sie interessieren sich für Erwachsenenbildung und didaktische Reduktion?
Auf diesem Blog erfahren Sie, wie Sie mit der Herausforderung „Viel Stoff – wenig Zeit“ umgehen können.

Foto Yvo Wüest

 

Mein Name ist Yvo Wueest. Vom fachlichen Hintergrund komme ich aus den Sprachwissenschaften. Ich habe Übersetzer und Sprachlehrer studiert und arbeite seit über 17 Jahren in der Erwachsenenbildung.

Mein Spezialgebiet ist die didaktische Reduktion und Trainings zum Thema „Lernen 2.0“. Bei der aeB Schweiz – der Akademie für Erwachsenenbildung unterrichte ich zu diesen und weiteren didaktischen Themen und bin für Inhouse-Angebote in der ganzen Schweiz unterwegs.

Eines meiner Lieblingszitate stammt von Albert Einstein:

„Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“

Kontaktieren Sie mich unter über yvo.wueest@bluewin.ch