Krishna-Sara Helmle: Textöffnerin aus Leidenschaft

Briefe von Amtsstellen, Texte mit Fachbegriffen, medizinische Befunde: viele Menschen  erleben Sprache in verschiedenen Situationen als Barriere. Leichte Sprache eröffnet mit einfachem und klarem Deutsch Menschen den Zugang zu Informationen.

Die Zielgruppen für Texte in Leichter Sprache sind vielfältig: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen die nicht gut lesen können, Menschen aus anderen Sprachgebieten. Leichte Sprache nutzt aber auch denjenigen, die zum Beispiel Post von Behörden 2-3 Mal lesen müssen, um sie zu verstehen. Hand aufs Herz – dazu gehöre ich auch manchmal.

Aus der Perspektive der „Didaktischen Reduktion“ ergeben sich beim Konzept „Leichte Sprache“ viele Gemeinsamkeiten: Stoffmengen reduzieren, auf den Punkt kommen, Lesenden, Lernenden und Studierenden den Zugang zu komplexen Inhalten vereinfachen.

Krishna, wir haben uns 2016 auf einem Kongress in Berlin kennen gelernt. Du bist ebenfalls Übersetzerin und Trainerin, dazu Texterin und Spezialistin für Leichte Sprache. Woher kommt deine Leidenschaft für das Thema?

Meine Leidenschaft für die Leichte Sprache hat im Wesentlichen zwei Quellen. Erstens mag ich gut geschriebene, klare Texte. Ich glaube, ich habe ein gutes Sprachgefühl, das ich durch das Korrekturlesen vieler Texte über die Jahre hinweg immer weiter geschult habe.

Zweitens mag ich Gerechtigkeit. Viele Menschen sind von einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft nur deshalb ausgeschlossen, weil sie Texte und Informationen nicht verstehen. Das geht mir mächtig gegen den Strich.

Durch meine Arbeit kann ich zu mehr Gerechtigkeit beitragen und gleichzeitig mit Sprache arbeiten. Diese Kombination hat sich als Traumberuf und Berufung gleichzeitig herausgestellt.

Helmle

Krishna-Sara Helmle, Spezialistin für „Leichte Sprache“

Du hast Germanistik, Franko-Romanistik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen in Mannheim, Freiburg und Paris studiert. Du kennst dich in Marketing, PR und Journalismus aus. Worauf legst du beim Verfassen, Lektorieren oder Korrigieren von Texten besonders Wert?

Mir ist Klarheit und eine hohe Qualität wichtig. Mein Anspruch an einen Text ist der, dass jemand die Struktur sowie den Inhalt schnell und einfach begreifen kann, auch wenn sich diese Person mit dem Thema nicht auskennt. Gerade, wenn man für Menschen schreibt, die mit dem Thema noch nicht vertraut sind, sind eine klare Struktur und ein didaktisch sinnvoll reduzierter Inhalt ganz wichtig.

„Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ hören wir überall. Haha … dabei verstehen die Patienten oft nur die Hälfte. Wie hilfst du mit deinen Trainings für Leichte Sprache solchen Fachleuten, ihre Sprachkompetenz zu erweitern?

In meinen Trainings geht es zum einen darum, die Teilnehmenden für ihren eigenen Sprachgebrauch zu sensibilisieren. Das bedeutet, wir schauen uns erst einmal an, welche Fachbegriffe und welche (Fach)Sprache sie gegenüber ihren Kunden, Klienten, Patienten oder neuen Mitarbeitern verwenden. Sie probieren beispielsweise auch aus, wie es ist, wenn man sich nicht gut verständigen kann.

Zum anderen geht es natürlich um die Regeln für Leichte Sprache. Diese stelle ich anhand von praktischen Beispielen vor. Die Teilnehmenden üben die Regeln dann oft an Texten aus ihrem eigenen Berufsalltag. Das sorgt immer wieder für Aha-Erlebnisse.

Durch die Sensibilisierung und das Handwerkszeug der Regeln für Leichte Sprache erweitern die Fachleute ihr sprachliches Repertoire. Sie sprechen dann mit anderen Fachleuten weiterhin ihre berufsspezifische Sprache, sind aber in der Lage, mit Laien in einfachen Worten zu sprechen. Das klingt erst einmal banal, erfordert aber tatsächlich einiges an Übung.

Es ist eigentlich ähnlich wie wenn man eine Fremdsprache lernt. Darum sind einmalige Interventionen wie ein Vortrag oder ein eintägiges Seminar zwar gute Impulse. Für eine nachhaltige Veränderung der professionellen Sprachfähigkeit ist jedoch Wiederholung ganz wichtig. Das erkennen immer mehr Kunden von mir und buchen gleich eine komplette Seminarreihe.

Textbeispiel für Standardsprache:

Sie sind ungewollt schwanger und befinden sich in einem Konflikt?

Übersetzt in Leichte Sprache:

Sie sind schwanger. Sie bekommen ein Kind. Vielleicht ist das ein Problem für Sie.

Du hast den Firmennamen „Textöffner®“ gewählt. Du schreibst, für dich bedeutet das Übersetzen in Leichte Sprache einfache Umschreibungen für gängige und für fachsprachliche Begriffe zu finden. Welche konkreten Empfehlungen gibst du Fachpersonen, die Texte lesefreundlicher gestalten möchten?

Ein lesefreundlicher Text soll einladend sein, soll zum Lesen verführen, auf den Inhalt neugierig machen. Das Wichtigste ist eine klare Struktur. Je nach Länge des Textes brauchen wir ein Inhaltsverzeichnis und eine Zusammenfassung, damit die Leser sich orientieren können. Der Text selbst sollte gut gegliedert sein, zum Beispiel in nicht allzu lange Abschnitte. Die Sätze sollten lieber kürzer als länger sein. Als grobe Faustregel kann man sich 10-15 Wörter pro Satz merken. Was darüber hinaus geht, ist für den Leser schwieriger zu erfassen.

Ein guter Text sollte Fachbegriffe allgemeinverständlich erklären. Natürlich kommt es hier auf die Zielgruppe an. Aber auch Fachleute freuen sich, wenn ein Begriff erklärt wird, denn nicht jeder kennt automatisch alle Fachbegriffe.

Ein gut strukturierter und verständlicher Text lädt also zum Lesen ein. Er vermittelt dem Leser eine gute Orientierung sowie das Gefühl, schnell und einfach zum (Lese)Ziel zu kommen. Ein kompetent auf die Zielgruppe zugeschnittener Text gibt dem Leser zusätzlich das Gefühl, auch wirklich gemeint und willkommen zu sein.

An der DIDACTA 2017 in Stuttgart und bei vielen anderen Gelegenheit stehst du als Vortragsrednerin vor Publikum. Gibt es bei deinen Vorträgen auch kritische Stimmen zu deinem Vorhaben, die deutsche Sprache leichter und zugänglicher zu gestalten?

Selbstverständlich gibt es immer wieder kritische Stimmen. Am meisten verbreitet ist die Angst, dass durch die Einführung von Informationen in Leichter Sprache die deutsche Sprache an Reichtum und Qualität verliert. „Sollen wir jetzt nur noch Leichte Sprache sprechen? Wir, im Land von Schiller und Goethe?“ So oder so ähnlich höre ich das durchaus manchmal.

Bei Leichter Sprache geht es jedoch darum, ein zusätzliches Angebot zu schaffen. Texte in Leichter Sprache sind gleich zu werten wie eine Übersetzung in Französisch oder Italienisch. Oder wie eine Rampe, die zusätzlich zu einer Treppe an einem Gebäude angebracht ist.

Frau Professor Dr. Christiane Maaß von der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim hat einen ganzen Katalog von kritischen Fragen zusammengestellt und sehr kompetent beantwortet. Diesen finden die Leser unter diesem Link.

An welche Situation aus deiner Tätigkeit als „Textöffnerin“ erinnerst du dich besonders gerne? Anders gefragt: Wie hältst du das „Feuer für deine Leidenschaft“ warm?

Es gibt in Seminaren immer wieder solche magischen Momente. Da geraten die Teilnehmenden und ich gemeinsam in einen Flow. Sie erfassen und verstehen dann nicht mit dem Verstand sondern mit dem Herzen, worum es mir geht: Nämlich dass diese Regeln für Leichte Sprache nur Mittel zum Zweck sind für mehr Gerechtigkeit in der Welt.

In meinem Kalender stand am 1. Januar dieses Jahres ein Zitat von der Ärztin Veronica Carstens: „Dein Ziel wird dich finden.“ Das Ziel, Leichte Sprache in der Welt zu verbreiten, hat mich auf jeden Fall gefunden!

Wenn du aus Deutschland in die Schweiz schaust: Gibt es in der Deutschschweiz auch für dich sprachliche Barrieren und Herausforderungen?

Ich habe gehört, dass die Deutschschweiz noch eher am Anfang sei was die Verbreitung von Leichter Sprache angeht, besonders in den Behörden. Ich denke, da gibt es eventuell noch die eine oder andere Barriere zu überwinden. Die einzige wirkliche Barriere befindet sich ja in den Köpfen der Menschen. Das Bewusstsein dafür zu öffnen, dass leicht verständliche Texte und Informationen für sehr viele Menschen nützlich sind, ist immer eine Herausforderung, nicht nur in der Schweiz.

Was ich in der Schweiz als spannende Herausforderung sehe, ist die Mehrsprachigkeit. Ich vermute, nicht jeder aus der italienischen oder französischen Schweiz kann Deutsch. Und nicht jeder deutsche Text wird automatisch ins Französische, Italienische und Rätoromanische übersetzt. Da habt Ihr ja schon innerhalb des Landes eine recht große Zielgruppe für leicht verständliche Texte.

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Im November 2017 ist dein neues Fachbuch „Leichte Sprache – Ein Überblick für Übersetzer“ erschienen. Welches Publikum wünschst du dir für dieses Buch und was ist dein Anliegen?

Meine Motivation, dieses Buch zu schreiben, war, dass es in Deutschland zwar viele Bücher in Einfacher und Leichter Sprache gibt, aber wenige über diese vereinfachten Varianten der deutschen Sprache. Die bisher vorhandenen sind alle eher auf einem wissenschaftlichen Niveau verfasst. Es gab noch kein einfach verständliches Buch über Leichte Sprache. Diese Lücke wollte ich füllen. Ich habe mein Buch zwar nicht in Einfacher oder Leichter Sprache geschrieben, habe aber auf eine gut verständliche Sprache geachtet.

Als ursprüngliche Zielgruppe hatte ich Übersetzerinnen und Übersetzer im Blick, die darüber nachdenken, Leichte Sprache zusätzlich in ihr Leistungsangebot aufzunehmen. Diesen wollte ich die Möglichkeit bieten, sich erst einmal einen schnellen Überblick über die ganze Thematik zu verschaffen.

Nun höre ich immer wieder, dass auch Menschen aus ganz anderen Fachgebieten mein Buch mit Genuss lesen und daraus Nutzen für ihre Arbeit daraus ziehen. Das freut mich natürlich.

Die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache

·       Kurze Sätze

·       Nur eine Aussage pro Satz

·       Aktiv formulieren statt passiv

·       Vorsicht mit Sprachbildern, Sprichwörtern oder Ähnlichem

·       Fachbegriffe oder Fremdwörter durch einfache Begriffe ersetzen oder kurz

erklären

·       Abkürzungen zunächst ausschreiben und  erklären

·       Texte übersichtlich gestalten und zielgruppengerecht illustrieren

Hinweis zum Buch:

Auch wenn es bereits einige Bücher in Leichter Sprache gibt, fehlte ein einfach zu lesendes Fachbuch über diese vereinfachte Variante der deutschen Sprache. Das Buch von Krishna-Sara Helmle liefert einen Überblick über das Thema und zeigt, wie man Leichte Sprache in der eigenen Arbeitspraxis einsetzen kann.

Liebe Krishna, herzlichen Dank für dieses Interview und ich wünsche dir mit deinem Buch und deinen Trainings in Deutschland und in der Schweiz weiterhin viel Erfolg!

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