Kunst reduzieren ? Wie Binnendifferenzierung gelingt

Diese Tage fand die Webseite des französischen Bloggers Arthur Coulet in den Sozialen Medien erneut viel Beachtung. In seinem ‘Gluten Free Museum’ zeigt er Bilder von bekannten und klassischen Künstlern, die er von „Weizen befreit“.

Bildschirmfoto 2016-04-15 um 10.36.18Die „Kornernte“ ist ein 1565 entstandenes Ölgemälde von Pieter Bruegel dem Älteren. Es kann im Metropolitan Museum of Art in New York bewundert werden. Ein unscheinbarer Birnbaum teil das Bild im Verhältnis des Goldenen Schnittes in einen grösseren linken und einen kleineren rechten Teil. Ein müder Erntehelfer ruht sich im Vordergrund genüsslich im Schatten des Baumes aus.

Arthur Coulet entschied sich, mit Airbrush-Technik alle glutenhaltigen Produkte aus den Kunstwerken zu tilgen. Nicht um sich einen Scherz über die „Gluten-frei-Bewegung“ zu machen, sondern aus purem Spass. In seinem reduzierten Bild sehen wir Wiese, Baum und ruhenden Mann. Die „Huffington Post“ schrieb begeistert: „Es ist Kunst, minus Gluten!“. Doch der Künstler wiegte ab und meinte, dass es ihm wirklich nur um das Vergnügen ging, dass er sich und anderen bereiten wollte.

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Mich hat seine Arbeit inspiriert, weiter über „Reduktionsmöglichkeiten“ in der Trainertätigkeit nachzudenken. In meinen eigenen Kursen und Seminaren zu „Didaktischer Reduktion“ frage ich die Teilnehmenden oft nach ihren Lieblingsthemen.

Um sie dann mit der Forderung „Kill your darlings“ zu konfrontieren.

Dabei geht es darum, dass fast alle Kursleitenden und Dozierenden ihr bevorzugten Themen haben, die sie immer wieder gerne einbauen und erzählen. Wer sich jedoch bei der Planung einer Bildungsveranstaltung ernsthaft um eine Teilnehmenden-Analyse gekümmert hat, sich überlegte, wer ist die Zielgruppe, was ist das Lernziel und mit welchem Zeitbudget kann ich rechnen … findet oft Hinweise, wie dringend der Bedarf an Reduktion ist. Er oder sie erkennt, ob das eigene Lieblingsthema wirklich passt oder besser ausgelassen wird.

Im Prinzip spielt es keine Rolle, mit welchem „Z“ wir beginnen. Doch es hat sich bewährt, die Teilnehmenden in den Mittelpunkt zu stellen. Diese können beispielsweise mit einer kurzen Umfrage über ihren Wissenstand, ihre persönliche Motivation und ihre Bereitschaft, eigene Beiträge beizusteuern, direkt angefragt werden. Dazu benutze ich gerne Google-Docs, oder, noch einfacher: Ein Umfragebogen auf der Plattform www.surveymonkey.com .

Sind die Fragebogen einmal erstellt, können sie einfach abgeändert und auf neue Bedürfnisse angepasst werden. Die Teilnehmenden erhalten einen Link und einen Hinweis, bis wann eine Rückmeldung erwartet wird.

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Mit dieser Vorgehensweise, gelingt es Trainern und Ausbildenden noch besser, auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen. Sie bringen Themen und Beispiele, die näher an der Lebenswelt der Beteiligten liegen. Dadurch folgen sie der Forderung nach einer Binnendifferezierung. Durch den aktiven Einbezug der Lernenden, machen sie Beteiligte zu Betroffenen und legen die Grundlage für einen gemeinsam gesteuerten und verantworteten Lernprozess.

2 Gedanken zu „Kunst reduzieren ? Wie Binnendifferenzierung gelingt

  1. Hallo Herr Wüest,
    mir gefällt Ihr Ansatz Themen und Beispiele zu wählen, die „näher bei der Lebenswelt der Teilnehmenden“ liegen. In dem ich frühzeitig die Teilnehmenden frage, wo ihre Interessen liegen oder wo ihnen der Schuh drückt, gelingt mir dies einfacher herauszufinden. Der Begriff „Binnendifferenzierung“ war mir nicht geläufig. Verwendet man ihn oft in der Schweiz in der Andragogik und was verstehen Sie darunter?

    Freundliche Grüsse aus Tübingen,
    P. Zimmermann

    • Danke für Ihren Beitrag!

      Binnendifferenzierung, darunter verstehe ich:

      a) die bewusste Wahrnehmung der einzelnen Menschen in einer Gruppe von Teilnehmenden (mit ihren unterschiedlichen Vorerfahrungen, Lernpräferenzen, Motiven)
      b) die Ausrichtung der eigenen Unterrichtsplanung auf diese potentielle Vielfalt (in dem unterschiedliche Lernwege, Geschwindigkeiten, Vertiefungsgrade angeboten werden).

      In einem früheren Artikel hier auf diesem Blog postulierte ich die Erkenntnis: „Die Zeit der 7 G’s ist vorbei“.
      Siehe: Blogeintrag Adaptive Lernsyteme

      Was denken Sie über diesen Anspruch, vermehrt „Binnendifferenzierung“ in der Lehre zu berücksichtigen?

      Freundliche Grüsse
      Yvo Wüest

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