John Hattie, Lernen sichtbar machen: Auf die Fähigkeiten der Lehrperson kommt es an

John Hattie ist Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Melbourne, Australien.

„Visibel Learning“ hiess sein Buch im Original, was man gut mit „sichtbare Lernprozesse“ übersetzen könnte.

Seit einigen Monaten wird seine inzwischen auf Deutsch vorgelegte epochale Sammlung, oder besser gesagt: Synthese von über 800 Meta-Analysen zum aktuellen Wissenstand über die Bedingungen des schulischen Lernens, heftig diskutiert.

Hattie extrahiert in seinem Buch 138 Faktoren, die in unterschiedlicher Stärke mit den Lernleistungen interagieren. Er beschreibt diese detailliert und zieht Schlüsse für die Gestaltung von Schule und Unterricht.

Entscheidend für guten Unterricht, der auch bildungsferne Schichten erreicht, so Hattie, sei der Lehrer und die Lehrerin.

Zitat: „Wir diskutieren leidenschaftlich über die äusseren Strukturen von Schule und Unterricht. Sie rangieren aber ganz unten in der Tabelle und sind, was das Lernen angeht, unwichtig.“

Denn Hattie geht es um Evidenz und seine Daten zeigen ganz klar, dass sich Unterschiede im Lernzuwachs nicht zwischen Schulen zeigen, sondern zwischen einzelnen Klassen, letztlich zwischen einzelnen Lehrpersonen. Er folgert daraus: Was Schüler lernen, überall auf der Welt, bestimmt die einzelne Lehrperson.

Für meine Arbeit bei der aeB Schweiz und in der Ausbildung von Erwachsenenbildner heisst dies: Ausbildende sollten ein breit gefächertes Repertoire an verschiedenen Unterrichtsstilen und Methoden aufbauen, die sie oder er je nach Zielgruppe einsetzen, „evidenzbasiert“ auswerten und auch mal mutig verwerfen.

Am 5.9.13 hatte ich mit rund 120 Bildungsinteressierten Gelegenheit, an dem von der aeB Schweiz mitorganisierten Referat des deutschten Hattie-Übersetzers Wolfgang Beywl in der PH St. Gallen teilzunehmen. Sein Verdienst ist es, das Buch „Visible Learning“ erfolgreich ins Deutsche übersetzt zu haben.

Da ich selber ursprünglich Übersetzer und Dolmetscher studierte, weiss ich um die enorme Schwierigkeit der Übersetzung von Fachbegriffen. Denn diese Begriffe haben stets eine Tradition und für den Übersetzer -besonders von pädagogischen Sachbüchern- stellt sich die Frage: In welche Tradition reihe ich mich ein?

Wolfgang Beywl arbeitete gut den Kerngedanken und die „kreative“ Hauptleistung des Bildungsforschers Hattie heraus: Mit der Messgrösse „Effektstärke“, die er im Buch anhand der Graphik von Barometern zeigt, einprägsam aufzeigen zu können, was gemäss den zurückliegenden Grund- und Metastudien erfolgreiches Lernen wirklich unterstützt.

Damit fasst er viele Bausteine zusammen (Erkenntnisse, die vielfach auch in anderen lokalen Studien bereits beschrieben wurden) und verdichtet sie in Aussagen, die zur Diskussion anregen, z.B. über die Frage: Was ist förderlich, was ist wichtig und welche Lehrstrategien versprechen im Vergleich zum Aufwand am meisten Lernfortschritte?

Meine Take-Home-Messages:

  • Ausbildende und Bildungsverantwortliche sollten den Mut haben, immer wieder mit der eigenen Realität zu spielen.
  • Es gibt gewisse Regelmöglichkeiten, Lernende in ihren Lernprozessen optimal zu unterstützen. Hattie listet im Buch über 138 Faktoren auf.
  • Der Lernzuwachs muss wichtig bleiben; Lehrpersonen sollen den „Lernfortschritt“ ihrer Lernenden stets im Auge behalten
  • Hattie hat viel Empathie für leidenschaftliche Lehrpersonen. Denn Sie machen den Unterschied und lassen den „Funken springen“.

4 Gedanken zu „John Hattie, Lernen sichtbar machen: Auf die Fähigkeiten der Lehrperson kommt es an

  1. Hallo Herr Wüst
    Wir haben bei uns im Seminar den Impact der Hattie-Studien kontrovers diskutiert. Ich Artikel trifft den Nagel auf den Kopf, schreiben Sie doch: “Ausbildende sollten ein breites Repertoire an Verschiedenen Unterrichtsstilen und Methoden aufbauen, die sie je nach Zielgruppe einsetzen, evidenzbasiert auswerten und auch mal mutig verwerfen”.
    Für mich heisst dies: Stellt den Menschen in den Mittelpunkt und richtet eure Anstrengungen auf ihn, seinen Lernbedarf, seine Lernerfahrungen und seine Bedürfnisse aus.
    Auf Youtube finden Sie inzwischen einige kurze Videoclips aus einem Interview mit J.H, welches vom Institut für angewandtes Schulmanagement hochgeladen wurden und bei uns die Gesprächsgrundlage bildete.

    Ihren Blog merk ich mir, Gruss
    Stefan Kowalski

  2. Lieber Yvo

    Was für eine qualitativ hochstehende Buchzusammenfassung! Einmal mehr bewundere ich deine Energie und deine Fähigkeiten, Zentrales auf den Punkt zu bringen. Ich teile deine Meinung besonders im Aspekt „nur wenn ein Feuer brennt, kann der Funke springen“.

    Und, ich habe deinen Blogg und die dazugehörigen Einträge nur per Zufall entdeckt…. Werde dies in Zukunft meinen Kursteilnehmenden nicht vorenthalten, weil ich sie als sehr merkenswert halte.

    Vielen Dank!
    Irene Isler

    • Danke für die Blumen…und die Info an deine Studierenden, liebe Irene!
      Zusammengefasst besagt der „Hattie-Faktor“: Entscheidend für den Lernerfolg sind kompetente und engagierte Lehrkräfte!

      Hilfreich ist:

      -regelmässige Überprüfung der aktuellen Leistungsfähigkeit (nicht erst am Ende des ganzen Lernprozesses)
      -Födermassnahmen bereits vor Unterrichtsbeginn
      -Track Two (Zusatzangebote für leistungstarke Studierende)

      Besonders hilfreich ist:

      -Sorgfältiges Feedback durch die Lehrperson
      -PBL (ProblemBasedLearning und Fallstudien aus dem Alltag der Lernenden)
      -vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Lehrperson und Lernenden

      Ich bin mir sicher, in deinem Unterricht setzt du die meisten dieser „Hattie-Prinzipien“ bereits heute erfolgreich um.
      Und viele der Prinzipien sind dir bereits im didaktischen Denken bei Prof. Dr. Karl Frey begegnet.
      Herzlich
      Yvo

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